Das AKW Mühleberg – Im Erstfall eine wahre Katastrophe

Bei einem Ernstfall wären rund eine Viertelmillion Menschen im näheren Umkreis um das AKW Mühleberg stark betroffen. Darunter auch die Bevölkerung der Städte Bern und Freiburg. Die Wahrscheinlichkeit eines Störfalls ist angesicht der vielen technischen Mängel, realistisch. Und sie  wird mit jedem Monat, der das AKW länger in Betrieb ist, grösser.

Karte Mühleberg

Das Atomkraftwerk Mühleberg der Bernischen Kraftwerke BKW-Energie AG liegt am linken Aareufer flussabwärts rund 14 km westlich von der Stadt Bern. Folgende 7 Gemeinden umgeben das AKW: Radelfingen, Wohlen, Frauenkappeln, Mühleberg, Ferenbalm, Wileroltigen und Golaten. Insgesamt wären bei einem Ernstfall 21’00 Personen in der Zone 1 und rund eine Viertelmillion Menschen in der Zone 2 von der Katastrophe direkt betroffen.

Auf einen Notfall sind wir nicht vorbereitet

Der Katastrophenschutz der Schweiz ist nicht auf eine Reaktorkatastrophe in Mühleberg vorbereitet. Es fehlt an vielem: an konkreten Evakuationsplänen, an genügend rasch bezugsbereiten «Schutzräumen», an Strahlen-Messinstrumenten und an Behandlungsplätzen für Strahlenkranke. Die Behörden gehen bei der Notfallschutzplanung von Annahmen aus, die das reale Risiko bei weitem unterschätzen. Im Notfall wird sich das Verwirrspiel um Grenzwerte und Sicherheitsmassnahmen wie es bei der Tschernobylkatastrophe 1986 der Fall war, wiederholen.

Die Notfallschutzplanung, die bei einem Reaktorunfall in Mühleberg zum Zuge käme, teilt die Schweiz in 3 Alarmzonen auf, in denen unterschiedlich schnell und gründlich informiert werden soll: Zone 1 bis 2,8 Kilometer, Zone 2 bis 20 Kilometer und Zone 3 der Rest der Schweiz. Die Notfallschutzplanung des ENSI.

… und ausserdem anfällig auf Störfälle

1971: Der erste Grossunfall

Bereits während der Testphase gab es den ersten Grossunfall. Im Sommer 1971 hatte die Bewilligungsbehörde den Betrieb bis maximal die Hälfte der vollen Last erlaubt. Bei Versuchen kam es am Abend des 28. Juli 1971 zu einem Brand im Maschinenhaus. Die Ursache war ein Austritt von Hydrauliköl aus dem Steuerölsystem der Turbogruppe B. Der Brand führte zu Zerstörungen im Maschinenhaus, u.a. waren Stromkabel betroffen. Dies führte dazu, dass Sicherheitssysteme ausfielen, so etwa je eines der beiden Toruskühlsysteme und Vergiftungssysteme. Etwas später fiel das Notabluftsystem vollständig aus.

Auf der Kontrollwarte gab es zahlreiche Fehlalarme, was den Überblick über den Anlagenzustand erschwerte. Mit den verbliebenen funktionsfähigen Sicherheitssystemen konnte die Anlage heruntergefahren werden. Dies war zum Zeitpunkt des Störfalls vergleichsweise einfach, weil wegen der damals kurzen Betriebszeit wenig Nachwärme abgeführt werden musste. Erst nach mehreren Stunden und mit Hilfe von externen Feuerwehren konnte der Brand gelöscht werden. Die Inbetriebnahme musste unterbrochen werden. Die Schadensbeseitigung kostete 22 Mio Franken.

Mühleberg, ein Reaktor der ersten Generation!

Mitte der sechziger Jahre planten die damaligen Bernischen Kraftwerke AG (BKW) ein Atomkraftwerk. Nach einer Ausschreibung vereinigten sich zwei Anbieter für Teilanlagen zu einem Konsortium, das die Anlage gemeinsam errichten sollte. Der eine Partner war die GETSCO, eine Tochterfirma des US-amerikanischen General Electric Konzerns. Dieser Partner war für die nuklearen Teile zuständig. Der andere Partner war die schweizerische Brown Boveri & Cie (heute ABB), die für die konventionellen Teile wie Turbinen, elektrische Anlagen und weitere Systeme zuständig war. Der amerikanische Partner gab vor, welcher Reaktortyp errichtet werden sollte. Es war ein flusswassergekühlter Siedewasserreaktor des Typs BWR-4; als Containment wurde das so genannte Mark-I-Containment von General Electric gewählt.

Das Mark-I-Containment ist eine ältere Entwicklung aus den USA und wurde schon zu Beginn der siebziger Jahre aufgegeben und durch andere Konstruktionen mit sicherheitstechnischen Vorteilen ersetzt. Bereits während dem Bau des AKW-Mühleberg, konstruierten die Techniker von General Electric aufgrund von Sicherheitsmängeln das Mark-II- und als letzten Typ das Mark-III-Containment (Leibstadt).

Das Eidgenössische Verkehrs- und Energiedepartement (EVED) erteilte der BKW am 21.7.1965 die Standortbewilligung. Der Auftrag für das Atomkraftwerk Mühleberg wurde am 1. September 1966 unterzeichnet. Vereinbart wurde eine «schlüsselfertige Lieferung». Am 1. April 1967 erfolgte der erste Spatenstich. Die Bauarbeiten wurden bis 1971 weitgehend beendet. Nachdem zuvor schon verschiedene Systeme kalt (ohne Brennstoff) getestet worden waren, erfolgte am 1. März 1971 die erste Kritikalität (Erste Kettenreaktion im Reaktor unter Abgabe von Radioaktivität und Energie).

Um den Zusammenhang der Atomenergienutzung mit den Atombomben zu vertuschen, vollzogen die AKW-Betreiber und der «Schweizerische Verein für Atomenergie« (SVA) anfangs der siebziger Jahre einen interessanten Sprachwechsel. Bis 1971 findet sich in praktisch allen Veröffentlichungen immer die Bezeichnung «Atomkraftwerk Mühleberg» oder die Kurzform «AKM», später wurde dann auf die harmlosere Bezeichnung «Kernkraftwerk Mühleberg» bzw. «KKM» umgestellt.

Geschichte der Siedewasserreaktoren

Das Prinzip des Siedewasserreaktors wurde in den Fünfziger Jahren in den USA entwickelt. Träger der technischen Entwicklung war General Electric, einer der grossen Konzerne des Elektroanlagenbaus in den USA. Der erste Siedewasserreaktor, der vornehmlich zur Stromerzeugung gebaut war, war der 1955 bestellte und 1960 in Betrieb genommene Reaktor Dresden-1 (USA). Diesem folgten zunächst einige technisch noch sehr unterschiedlich ausgeführte Prototypreaktoren. Einige davon wurden in den USA errichtet, andere wurden von General Electric in andere Länder exportiert, die für die Atomenergienutzung gewonnen werden sollten. Diese Länder waren die Bundesrepublik (3 Anlagen), Indien (2), Italien (1), Niederlande (1). Diese Prototypreaktoren, sind inzwischen bis auf einen stillgelegt. Sie wurden nicht kommerziell erworben, sondern durch nationale bzw. internationale Programme subventioniert. Den Durchbruch erreichte General Electric erst, als ein Serienreaktor entwickelt wurde. Es war der Siedewasserreaktor mit Mark-I-Containment.

Die 40 Pannen des AKWs Mühleberg

Quelle: Beobachter und Mühleberg-Ver-fahren

1967 Beginn der Bau des AKWs Mühleberg am 1. April 1967. Er dauert fast ein Jahr länger als geplant.
1971 Juni: Elf Schnellabschaltungen in einem Monat.
1971 28. Juli: Brand im Maschinenhaus während des Probebetriebs (Reaktor schon «kritisch»).
1972 Vibrationen im Torus, nachdem Reaktordampf eingeleitet wird. Der Torus muss umgebaut werden.
1972 Nach einer Panne in den Hüllrohren der Brennelemente entweicht Radioaktivität über den Kamin.
1972  April: Sieben Schnellabschaltungen in einem Monat; eine davon gemäss Aufsichtsbehörde «aus nicht eruierbarem Grund».
1973 3. April: Offizielle Einweihung.
1973 Sommer: Ein stark beschädigter Brennelementkasten wird entdeckt. Sämtliche 228 Brennelementkästen müssen ersetzt werden.
1974 Oktober: Die vier Speisewasser-Verteilringe im Reaktor sind an einer Stelle gebrochen und an drei weiteren Stellen angerissen. Sie werden ersetzt.
1979 Februar: Am Zaun des Atomkraftwerks beträgt die Strahlung 400 Millirem pro Jahr (entspricht vier Millisievert).
1985 Sommer: Während der Revision Austausch von 1300 der 14’000 Röhrchen des Kondensators, da diese Löcher aufweisen.
1986 Juni: Ersatz der Umwälzschlaufen in einem stark kontaminierten Teil der Anlage. Kosten: zirka 35 Millionen, dazu 17 Millionen für den Produktionsausfall.
1986 September: Filterpanne. Während Tagen gelangen unbemerkt radioaktive Staube über den Kamin in die Umwelt.
1986 Kontamination von sechs Personen mit Jod-131 bei Inspektionsarbeiten wegen undichter Brennelemente.
1989 Taste für die manuelle Auslösung einer Reaktor-Schnellabschaltung ist defekt.
1989 Das verbunkerte Notstandssystem SUSAN wird in Betrieb genommen.
1990 Am Kernmantel werden erstmals Risse entdeckt.
1996 Einbau der Zuganker am Kernmantel.
1997 19. Juli: Steuerelement eines Speisewasserventils ist defekt. Darauf steigt das Niveau im Reaktor an, es folgt ein Turbinenschnellschluss, das Reaktorniveau fällt, es kommt zur Schnellabschaltung.
1998 23. Juni: Ein Operateur öffnet irrtümlich ein Abblaseventil. Er will es wieder schliessen, der Druck des Reaktordampfs ist aber zu hoch. Das Niveau im Reaktor muss von Hand gesteuert werden.
1999 Mai: Hochwasser dringt in Kellergeschosse ein.
1991–2000 In der Berichtsperiode fallen achtmal Umwälzpumpen aus, in vier Fällen beide Pumpen gleichzeitig. 1996 sind es allein drei Ausfälle der Pumpe A, ausgelöst durch ein störungsanfälliges Überwachungssystem.
2001 Schnellabschaltung nach Ausfall der Speisewasserpumpe im Maschinenhaus.
2002 Beim Test der Notstromdieselgruppe SUSAN-A kommt es zu einer Störung. Fazit der Aufsichtsbehörde: «Ein Grund für das Fehlverhalten konnte nicht festgestellt werden.»
2005 August: Hochwasser überflutet Teile der Anlage.
2006 Beschädigung der Entlüftungsleitung der Saugleitung der Speisewasserpumpe A. Fazit der Aufsicht: «Ursache im Bereich des menschlichen Verhaltens und der Organisation».
2006 Sommer: Risse in der Kernsprühleitung entdeckt. «An den Schweissnähten der Kernsprühleitung werden vier bewertungspflichtige Anzeigen festgestellt» (HSK-Bericht 2007).
2007 Während der Revision: Ein Greifer des Hilfshubwerks öffnet sich fälschlicherweise, ein Brennelementkasten rutscht auf den Boden des Brennelementbeckens ab.
2007 August: Ebenfalls während der Revision: Die Wechselmaschine (Kran) wird nach einer Reparatur über dem offenen Reaktor ausprobiert, ein Blechteil löst sich und verschwindet im Reaktor.
2007 Hochwasser überflutet Teile der Anlage.
2007 Es wird bekannt, dass Risse im Kernmantel weitergewachsen sind. Die aufsummierte Länge aller bis 2002 bekannten Risse beträgt 1737 Millimeter. Die grösste Risstiefe beträgt 90 Prozent, die mittlere Risstiefe etwa 50 Prozent der Wandstärke.
2009 2. September: Bei Prüfungen der Rundnähte wird erstmals ein Riss im Reaktordruckbehälter entdeckt.
2009 14. September: Der Ausfall einer Speisewasserpumpe wird simuliert, die erneuerte Reservepumpe springt nicht an.
2010 Februar: «Gesundheitstipp» weist um das AKW und in der Aare radioaktives Tritium und Kobalt-60 nach.
2010 Vier Umwälzpumpenausfälle in zwei Monaten, dazu eine Teilabschaltung.
2010 8. September: Ein Hochdruck-Einspeisesystem steigt aus. Eine Leitung ist nicht abgeschirmt und wird durch elektromagnetische Felder eines benachbarten Motors gestört.
2011 Die BKW nimmt das AKW Mühleberg vorübergehend vom Netz. Die Wasserversorgung des Notfallsystems hat offensichtlich Mängel.
2012 8. Februar: Ein Messgerät wird an der falschen Speisewasserpumpe angebracht. Die Verwechslung führt zu einer Reaktor-Schnellabschaltung.
2013 14. Juli: Forscher finden Spuren radioaktiven Cäsiums im Bielersee. Das ENSI gibt dazu folgendes bekannt: «Die Ursache für die erhöhten Abgaben sind nicht auf Zwischenfälle zurückzuführen, sondern auf die endlagerfähige Konditionierung von Altharzen aus dem Zwischenlager mit der im Jahr 1995 in Betrieb genommenen Verfestigungsanlage CVRS.»
2013 14. August 2013: Bei einem Test vor der Entladung der Brennelemente aus dem Reaktor kommt es zu einer Schnellabschaltung. ENSI, Betreiber und Nuklearforum verheimlichten das Vorkommnis bis zum 21.11.2013.